Die Gewalt kommt auch in unser Lager
30th, April 2009, 12:15 am
Der traditionelle Heiler Abu Bakr Mohammed beim Zubereiten einer Rezeptur in seiner Strohhütte in der Nähe des Abu Shouk-Flüchtlingslagers in el Fasher, Sudan. (AP Photo/Nasser Nasser)
Krisenregion Darfur
„Die Gewalt kommt auch in unser Lager“
Ausweisung von Hilfsorganisationen aus Darfur trifft vor allem Frauen und Kinder – Anstieg sexueller Übergriffe befürchtet
Sarah El Deeb, AP
Flüchtlingslager Abu Schuk/Sudan – Nach der Ausweisung ihrer Ärzte überlegt sich Mastura Hussein eine riskante Alternative: den Gang zum traditionellen Wunderheiler. Ihre Gebärmutterentzündung würde dieser mit einem Trank aus heiligem Wasser, Holzkohle und Harz, versehen mit ein paar Zeilen aus dem Koran, behandeln. Die Ausweisung von 13 internationalen Hilfsorganisationen aus Darfur im März hat Helfern zufolge vor allem die medizinische Versorgung von Frauen und Kindern getroffen. Außerdem befürchten UN-Helfer nun eine Zunahme sexueller Übergriffe auf Frauen.
Mehr als 60 Prozent der 2,7 Millionen Menschen, die von der Gewalt in Darfur in den vergangenen Jahren in die Flucht getrieben wurden, sind Frauen und Kinder. Viele Hilfsprogramme waren speziell auf Frauen ausgerichtet, da diese sich als erste um die Familien in den Flüchtlingslagern kümmern. Helfer fürchten daher, dass die in den vergangen Jahren erzielten leichten Verbesserungen des Gesundheitszustandes der Bevölkerung nun wieder rückgängig gemacht werden.
Die Ausweisung der Hilfsorganisationen, mit der der sudanesische Präsident Omar al Baschir auf den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStG) reagiert hat, beendete mehrere Programme für unterernährte Kinder sowie schwangere und stillende Frauen abrupt. Zahlreiche Initiativen zur Schulung von Hebammen und zur Unterstützung von unter Gewalt leidenden Frauen wurden stark eingeschränkt.
Auch die Ärzte der Frauenklinik, die Mastura Hussein behandelten, wurden ausgewiesen. Nun muss die 22-jährige Mutter zweier Kinder eine von ägyptischen Soldaten gegründete Allgemeinklinik aufsuchen. Sie ist sich jedoch nicht sicher, ob sie dort die Medikamente bekommen wird, mit denen man sie bisher behandelt hat. Auch sind die Warteschlangen infolge des stark zurückgegangenen Angebotes an medizinischer Versorgung deutlich länger geworden.
Fünf Stunden anstehen vor dem Krankenhaus
Fünf Stunden steht Mastura Hussein bereits an und grübelt über ihre Alternative: „Wir werden alle wieder zu den traditionellen Heilern zurückgehen müssen“, sagt sie zu der Frau, die hinter ihr steht.
Eine kürzlich in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen durchgeführte sudanesische Erhebung ergab, dass 14 Prozent der medizinischen Einrichtungen in Darfur entweder geschlossen wurden oder starke Personalreduzierungen hinnehmen mussten. Sechs der ausgewiesenen Organisationen betrieben Ernährungsprogramme für Kinder und Mütter. 650.000 Menschen haben demnach derzeit keinen vollständigen Zugang zu medizinischer Versorgung und mindestens 700 schwer unterernährte Kinder werden nicht mehr behandelt. Helfer befürchten bereits Ausbrüche von Krankheiten und die Rückkehr vieler Frauen zu gefährlichen traditionellen Heilmethoden.
Mit den Hilfsorganisationen wurden auch viele Experten ausgewiesen, die sich um die Verfolgung sexueller Übergriffe auf Frauen kümmerten. „Wir werden wohl keine Informationen mehr über die Gewaltanwendungen bekommen“, so ein Helfer der Vereinten Nationen. Auch sudanesische Nichtregierungsorganisationen würden aus Angst vor Repressalien seitens der Regierung Informationen über Belästigungen und sexuelle Gewalt nicht mehr weitergeben. Für die Regierung des afrikanischen Landes, die die systematischen Vergewaltigungen und Übergriffe auf Frauen während des Krieges dementiert, sind derartige Informationen ein heikles Thema.
Vergewaltigt auf der Suche nach Feuerholz
Gleichzeitig steige die Zahl der Übergriffe auf Frauen, fürchten die Helfer: Wenn sich die Versorgung mit Trinkwasser weiter verschlechtert, müssten die Frauen immer öfter das Flüchtlingslager verlassen und setzen sich so Angriffen aus. Oft passierten Vergewaltigungen, während sich die Frauen auf der Suche nach Feuerholz oder Trinkwasser aus dem Lager herauswagten.
„Wenn die Hilfsorganisationen weg sind, kommt die Gewalt auch hinein in unser Lager,“ sagt Sahra Abdel Rahman, die eine führende Position im Flüchtlingslager Abu Schuk innehat. Im vergangenen Monat hat sie nach eigenen Angaben fünf Fälle von Gewalt gegen Frauen verzeichnet. So sei eine Frau von ihrem Esel heruntergezogen, in einer Ecke des Lagers vergewaltigt und am Rande des Weges liegen gelassen worden.
Abu Bakr Mohammed, einer der traditionellen Wunderheiler, erwartet nun mehr Patienten in seiner Strohhütte in der Nähe des Lagers. Der 85-Jährige heilt nach eigenen Angaben Hunderte von Krankheiten, darunter Malaria oder Schwangerschaftsprobleme. Mastura Hussein, sagt er, würde er eine Mischung aus Kohle, Harz und Wasser zu trinken geben, die er zuvor über ein Holzbrett mit Versen aus dem Koran gegossen hat. „Die Menschen gehen zu den Ärzten, aber früher oder später kommen sie immer zurück zu mir“, sagt er. (AP)

